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11,05,15 – Meine Wetzlarer Zeit
Heute war ich mit Marianne und Barbara in Wetzlar, um eine Foto-Ausstellung mit Künstler-Porträt-Fotos von Barbara Klemm zu besichtigen.
Anschließend ergab sich noch ein schöner Spaziergang durch die romantische Innenstadt. Die jahrzehntelang geschlossene ‚Alte Münz’, ein Café am Eisenmarkt, hat wieder eröffnet (Café Sacher oder so). Dort sind wir dann schließlich rein, weil es manchmal ziemlich kalt wurde und auch regnete, weshalb wir nicht außen sitzen wollten. Während wir dort drin saßen, schaute ich zwischendurch längere Zeit aus dem Fenster und hatte so einige Reflexionen, die ich jedoch im Beisein von Marianne nicht erzählen wollte – trotzdem sie eine therapeutische Ausbildung hat.
In Wetzlar war ich am Hessenkolleg und ich hatte so ungefähr die glücklichste, d.i. gefühlsreichste, poetischste Zeit meines Lebens. Ich konnte mich damals innerhalb eines großzügigen institutionellen Rahmens geistig entwickeln, hatte ausreichend Geld und konnte ungeheuer viel Neues, Interessantes & Schönes entdecken.
Nun schaue ich auf fast alles, was ich da aus dem Fenster jenes Cafés sehe, mit scheelem, realistischen Blick und kann mich auch in Wetzlar an den neuen modernen ‚schönen’ Sachen meist bestenfalls nur halb erfreuen, da ihnen meiner Ansicht nach diese frühere selbstverständliche einfache Schönheit und Daseinsweise abgeht.
Bei jenen Überlegungen dann kam mir eine Idee: Wenn ich damals schon ‚realistisch’ gewesen wäre, hätte ich vermutlich jene glückliche Zeit (in diesem Ausmaß jedenfalls) nicht gehabt. Dann hätte ich mir (beispielsweise) viel mehr Gedanken machen müssen über brotstudentische Realitätsprobleme von Berufen und entsprechenden Studienverläufen. Das schob ich mit meinen von Konrad Schubert übernommenen Größenphantasien weg bzw. in weite Ferne – so daß aus mir also realiter nie beruflich ‚was Gescheites’ wurde.
Seit vielen Jahren bin ich (zu recht) äußerst kritisch gegen meine ehemaligen Phantastereien. Aber jetzt, im Alter, wenn ich so aus dem Fenster der ‚Alten Münz’ schaue, dann merke ich halt: O.K. das war nicht realistisch. Aber es war für mich wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, mal für ein paar Jahre ein ausgeprägt poesievoll-glückliches Leben zu führen. Und ich müßte mich eigentlich jetzt fragen, ob ich darauf hätte verzichten sollen – um mir dadurch vermutlich eine längere Periode des Unglücks und des gänzlichen Verlustes meiner poetischen Gefühlsfähigkeit zu ersparen. Aber andererseits auch eine Menge philosophischer Erkenntnisse.
Da kann man eigentlich nur sagen: „Et is, wie et is“ (um mal Freund Gerhard zu zitieren). Und man kann dann nur versuchen, das jeweils Beste aus seiner Situation zu machen – gemäß dem, was die äußeren Einflüsse und Möglichkeiten begünstigen bzw. verhindern. Aber ich gehe jetzt noch ein Stück weiter. Wie in der Mathematik die reellen Zahlen nicht das Ende der Fahnenstange sind – es gibt noch die imaginären bzw. komplexen Zahlen – so ist in der Erkenntnis des menschlichen Lebens (also der Philosophie) der Aspekt des Realismus: der Arbeit, der Berufe, der technischen Fertigkeiten, der Meta-Ebenen in historischen bzw. literarischen Darstellungen, nicht das Ende des Wissens. Um das menschliche Leben wirklich zu verstehen, muß man zusätzlich noch die imaginären Sachen an und für sich, innerlich, berücksichtigen und (in ihrer Funktion) ernst zu nehmen versuchen: die Phantastereien, Ideologien, Religionen, Irrtümer, Wahnideen. Das war meiner Ansicht nach die großartigste Leistung der Psychoanalyse Freuds, hier erste Schneisen in den Urwald zu schlagen.
Insofern merke ich eigentlich, daß mein Leben rund läuft. Es war ok so – und ohne es gewußt zu haben, wollte ich es letztlich so. Der Verlauf beruhte prinzipiell auf meinen eng begrenzten sozialisationsmäßigen Voraussetzungen, d.h. auf den halbwegs spärlichen materiellen und geistigen Vorgegebenheiten bzw. Ressourcen meiner Herkunft. (Dadurch hatte ich von vornherein keine klaren praktischen sozialen Vorstellungen). Des Weiteren auf einem sich ständig höherentwickelnden strikten Bedürfnis nach Internationalität, Weltbürgertum, Freiheit, Hedonismus, Freigeistigkeit, Wissen und Bildung. Schließlich, wie oben schon erwähnt, was die äußeren Einflüsse und Möglichkeiten diesbezüglich begünstigen bzw. verhindern.
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